Vorurteile und Klischees – Die Wahrheit über die Modebranche

Die Zukunft der Mode. Darüber machen sich viele Menschen Gedanken. Viele aber auch nicht. Warum die Modebranche unterschätzt wird und wie man das ändern kann, damit beschäftigt sich gerade Alexa Chung zusammen mit der britischen Vogue. Herausgekommen ist die beste Youtube-Reihe der letzten Jahre:

Vorurteile

Mode ist Geldverschwendung, frivol, oberflächlich und dumm. Die Klischees, die die Modebranche bestimmen, sind unzählbar. Wer braucht schon Mode? Alle Menschen die in dieser Industrie arbeiten sind dumm, reich und Modeopfer. Keine andere Branche auf dieser Welt hat mit solchen starken Vorurteilen zu kämpfen, wie die Modeindustrie. Dabei besteht diese vor den Augen der Öffentlichkeit doch nur aus Modedesignern.

Wenn man an Mode denkt, dann denk man an H&M, Primark, Chanel und Prada. An jede Menge Klamotten, überquellende Kleiderschränke, Selfies vor dem Spiegel und Geldverschwendung. Was aber wirklich die Wahrheit ist? Hinter jedem Modedesigner und seinem Label stecken Hunderte Menschen, von deren Existenz die Allgemeinheit keine Ahnung hat. Näherinnen, Schneider, PR, Marketing, Manager, Berater, Zulieferer, Fabrikanten, und und und. Eine Modezeitschrift besteht nicht nur aus der Chefredakteurin, sondern aus Stylistin, Marketing, Managern, Schreibern, Requisite, Assistenten und Praktikanten. Keine Ahnung wie das Klischee entstehen konnte, wir würden uns alle à la „Der Teufel trägt Prada“ hassen, sind wir doch eine Branche, die aus extrem viel zwischenmenschlichen Kontakten besteht und bei der Kreativität und Vorstellungsvermögen oft so viel mehr zählen als veraltete Hierarchien. Na klar gibt es auch in dieser Branche Monster-Chefs oder Hass-Kollegen, aber in welcher gibt es das nicht? Mobbing ist kein Begriff der wegen der Mode entstanden ist.

„Du studierst Modejournalismus. Interessant.“

Das viele Vorurteile noch so in einer angeblich gebildeten und offen Gesellschaft bestehen können, macht mir ehrlich gesagt Angst. Woran kann das liegen? Das alles klingt jetzt so theoretisch und abstrakt, aber wenn man in der Modebranche arbeitet, schlagen einem Verachtung und arrogantes Herabsehen täglich ins Gesicht, auch wenn es manchmal nur Kleinigkeiten sind:

Bei einem Treffen mit alten Freunden aus der Jugend unterhalten sich alle angeregt über ihr Studium oder ihren Beruf. Werde ich gefragt, was ich mache und antworte mit Modejournalismus, kommt meist eine Weile ein betretenes Schweigen und dann ein „Interessant“. Nachfragen, was ich denn nun genau mache, wollen sie nicht. Wenn mich dann später jemand vorstellt, höre ich meistens: „Marie macht Modedesign.“ Nein, mache ich nicht. Da draussen scheint es nur einen Beruf zu geben, nämlich den des Modedesigners.

„MARIE STUDIERT MODEDESIGN“ NEIN!

Warum wird Mode generell nicht als ernsthafter Beruf wahrgenommen? Deutschland ist das Land in Europa, was am meisten Geld für Mode ausgibt,circa 200 Milliarden jährlich. Warum wird man dann in einer Branche, in der jeder Mensch Geld ausgibt, nicht ernstgenommen?

Das mag vielleicht daran liegen, dass vor allem in den Schulen Mode nicht als Beruf aufgezeigt wird. „Kinder werdet Ärzte, Anwälte oder Automechaniker.“ Dass so etwas wie die Modeindustrie überhaupt existiert, scheint für manche Menschen nicht vorstellbar. Dabei googlen jeden Tag Millionen von Menschen, welchen Beruf es in der Modebranche gibt und wie sie ihn erlernen können.

Schafft man es dann irgendwie doch sich meist gegen sein Eltern, Familie, Lehrer und Freunde durchzusetzen und an seinem Berufswunsch festzuhalten hat man nur noch eine Hürde zu meistern: die Berufsausbildung. Auch hier wird einem das Leben extrem schwer gemacht. So ungefähr der einzige Studiengang, den man staatlich studieren kann, ist Modedesign. Will man Modejournalist oder Modemanager werden, ist der einzige Ausweg ein Umweg über ein anderes Studium oder zähneknirschend jeden Monat viel Geld auf den Tisch zu legen. Vielleicht kommt daher auch das Klischee, dass alle Leute die in der Modebranche arbeiten reich sind. Natürlich haben wir alle ein großes Interesse in Mode und sind bereit dort viel Geld auszugeben, aber wer ist das nicht in seinem Beruf? Maler kaufen auch Farben, viele fahren extrem teure Autos, andere wohnen in luxussanierten Zehn-Zimmer-Wohnungen. Jeder ist in einem anderen Bereich des Lebens bereit mehr Geld auszugeben, warum Klamotten dabei schlechter sein sollen als SUVS, das soll mir erstmal einer erklären.

Wie viele Menschen auf so einer Modeuni (wie der AMD, Esmod usw.) aber für ihr Studium am Existenzminimum leben, Bafög bekommen, sieben Tage die Woche arbeiten oder Kredite aufnehmen, das möchte keiner hören. Andere Studenten arbeiten, um in den Semesterferien drei Monate durch Amerika touren zu können, wir arbeiten in den Semesterferien und während des Studiums für unseren Lebensunterhalt. Auch hier möchte ich nicht bestätigen, dass es auch reiche gesponserte Kinder gibt, die nicht einen Finger krümmen müssen und die Bude voll Designermöbeln habe, aber die sind nun mal nicht die Regel.

„Wir sind auch wichtig“

Insgesamt kommt es doch nur auf das eine an: Leben und leben lassen. Und das ohne Klischees. Ich behaupte schließlich auch nicht, dass alle Medizinstudenten lebensunfähige 1,0 Abiturienten mit Drill-Eltern sind. Es wird Zeit, dass Deutschland akzeptiert, dass die Modebranche und jeder einzelne Mensch, der in ihr arbeitet, extrem wichtig für unsere Wirtschaft und Kultur sind. Denn Mode ist nun einmal beides: Kultur, die jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt betrifft, egal was er auch behauptet, er trägt schließlich Kleidung und Wirtschaftsmacht, die sogar die Automobilbranche übertreffen kann. Haben wir nicht auch ein bisschen Anerkennung verdient?

Hier geht es zu Teil 2 der Serie mit Alexa Chung: