Ihr seid doch viel zu langweilig

„Ihr seid doch viel zu langweilig“ ist ein Kommentar, den sich Männer oft wegen ihrer Kleidung anhören müssen. Aber wollen wir Männer in den neuesten Trends vom Laufsteg sehen?

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Saint Laurent Paris F/W 16

 

Bei Saint Laurent Paris war eigentlich alles wie immer. Die Männermodels liefen bei der Herbst/Winter 2015 Schau in gewohntem 60er-und 70er-Jahre-Look über den Laufsteg. Am Ende der Show waren alle begeistert und lobten Hedi Slimane. Lederhosen sind jetzt der neueste Schrei für Männer – möglichst glänzend und schwarz mit auffälligen Schnürungen und so hauteng, dass die dürren Stelzen der Models fast wie Grashalme aussahen. Wem das immer noch nicht reicht, kombiniert ganz Saint-Laurent-like schwarze spitze Stiefeletten dazu. Ja, wir sind immer noch bei der Männermode.

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Loewe Lookbook F/W 16

 

 

Auch bei J.W.Anderson entkommt man den 70er-Jahren nicht. Das neue It-Piece von Anderson? Schlaghosen. Möglichst weiß, hoch geschnitten und sehr ausladend müssen sie sein. Dazu noch eine bunt gemusterte Jacke und Pilotenbrille – schon ist der Look für den Kosmopoliten, der sich selbst nicht zu ernst nimmt, komplett.

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Louis Vuitton F/W 16

 

 

 

 

 

Louis Vuitton und Fendi geben dem Mann das zurück, was er bei seiner Emanzipation verloren zu haben scheint: die Handtasche. Es wäre ja auch ziemlich unfair, dass nur Frauen dazu im Stande sind, ihren gesamten Hausrat mit sich herumzuschleppen. Jetzt ermöglicht Silvia Venturini Fendi auch den Männern mit ihren großzügig designten Lederbags, eine halbe Bibliothek oder die gesamte Sportausrüstung immer griffbereit dabeizuhaben. Einen verspielten Touch bekommen sie aber erst durch den berühmten Fendi-Fellpuschel. Die kann man bestimmt auch super sammeln und mit Freunden tauschen, so wie Panini-Bilder.

Kim Jones dagegen entwirft für Louis Vuitton etwas rückenfreundlicher und lässt den Mann von heute mit mehreren kleinen Logo-Umhängetäschchen durch die Stadt flanieren. Wenn er nett ist, gibt er ja vielleicht seiner Freundin eine ab. Vielleicht kauft er sich aber auch noch eine passende Louis-Vuitton-Tasche für seinen Chihuahua dazu.

Die Realität sieht anders aus und heißt Sebastian. Der ist 25 Jahre alt und wohnt in Berlin. Er meint, dass er eigentlich schon einen Sinn für Mode habe. Trotzdem hat er weder eine schwarze hautenge Lederskinny, eine weiße Schlaghose, noch eine Mini-Umhängetasche im Kleiderschrank. Stattdessen besitzt er viele gerade geschnittene Jeans, Kapuzenpullover und Turnschuhe.

„Von den neuesten Trends halte ich gar nichts“, sagt er. Er wusste nicht mal, dass es so etwas für Männer gibt. „Da lerne ich doch nie wieder eine Frau kennen, wenn ich so was anhabe.“ Stimmt das? Wir Frauen sind doch so modeaffin, kaufen uns regelmäßig die GlamourVogue und Harper’s Bazaar, wissen immer, was gerade in ist und müssen es auch gleich haben. Aber erwarten wir das auch von unseren Männern? Nur allzu oft werfen wir gerade denen doch vor, dass sie langweilig sind und immer das Gleiche tragen. Wollen wir wirklich die neuesten Trends bei den Männern sehen? Bei Männern in schwarzen engen Lederhosen laufen wir doch eher davon. Und einen Mann mit einer weißen Schlaghose würden wir auslachen.

Zugegeben, die Männer haben es schwer. Egal, was sie tragen, sie tragen es falsch. Entweder ist es zu langweilig oder sie wagen zu viel und es sieht unmännlich aus.

Aber auch, wenn die Männer wollten, haben sie überhaupt die Möglichkeit, so modisch zu sein wie wir Frauen? Wir haben es ja leicht: Kaum sind die neuesten Trends in Paris zu sehen, schon können wir sie direkt bei Zara und Co. kaufen. Nichts hindert uns daran, im Sommer die weißen Schlaghosen, die Plateau-Sandalen und die langen Wallerkleider zu tragen. Weder die Männer hindern uns daran, noch mangelt es uns an Einkaufsmöglichkeiten.

Gleiches Szenario in der Männermode? Fehlanzeige! An den Schaufenster-Puppen von H&M sieht man 365 Tage im Jahr Jeans, T-Shirts und Sweatshirt-Jacken. Wie soll da ein modebewusster Mann ohne sechsstelliges Einkommen stylish und trendy sein? Am besten gar nicht.

Also liebe Männer, auch wenn wir viel meckern und Euch überreden wollen, mal etwas zu wagen: Wir wissen, dass Ihr nichts dafür könnt. Vielleicht ist es aber auch ganz gut so, wie es ist. Denn durchtrainierte Männer in Jeans und Holzfällerhemden sind uns doch die liebsten.

Photos: style.com